Russlands Kriegsveteranen – Die letzten Zeugen vor dem Sturm
Porträts aus einer Zeit, in der das Unvorstellbare noch unvorstellbar war. Bilder; Pit Beuhler, 2015 / Text; Pit Buehler, 2025
Moskau, Mai 2015. Die Stadt trägt Uniform. Auf den breiten, gepflasterten Boulevards drängen sich Tausende. Auf den Schultern glänzen Orden, in den Händen Blumen. In kleinen Gruppen wird gesungen, getanzt, umarmt. Kinder halten gerahmte Fotografien – Väter und Großväter, Männer in Schwarzweiß, deren Blicke Jahrzehnte überdauert haben. Es ist der 9. Mai 2015, der 70. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland.
Vor dem ehrwürdigen Bolschoi-Theater – gestern noch Kulisse für die Inszenierung von Tänzerinnen und Tänzern – errichteten wir unser mobiles Fotostudio: schwarzer Hintergrund, mobile Blitzanlage, eine PhaseOne Mittelformatkamera, nicht mehr. Unser kleines Team bestand aus einem russischen Fotografen, der übersetzte und Fragen stellte, einer Assistentin, die in der Menge charismatische Gesichter aufspürte, und einem Freund aus der Schweiz, der tapfer versuchte, die logistische Anarchie in geordnete Bahnen zu lenken.
Das sanfte Tageslicht modellierte die Gesichter wie Skulpturen – unterstützt von zurückhaltend eingesetztem Blitzlicht, gerade so viel, um die Konturen zu schärfen. Veteranen traten vor: Frauen und Männer, einige in makelloser Uniform, andere in schlichten Jacken, an denen die Orden schwer hingen. Viele hielten Blumensträuße oder Zeichnungen, kleine Gaben der Wertschätzung. Dazwischen Kinder in viel zu großen Mützen, die stolz die Bilder ihrer Väter und Großväter trugen.
Die Geschichten reichten vom Zweiten Weltkrieg bis nach Afghanistan und Syrien. Ein 90-jähriger Offizier, der als Sanitäter in der Schlacht um Stalingrad diente. Ein ehemaliger Marineoffizier, der Deutsch sprach wie ein gebürtiger Berliner. Ein schweigsamer Mann, dessen Orden mehr erzählten als er selbst. Ein Veteran, dessen kalter Blick an die Schatten sowjetischer Geheimdienste der achtziger Jahre erinnerte. Manche Stimmen klangen offen und weltgewandt; andere trugen die Strenge eines Lebens im Dienst, das keine Fragen zuließ.
Eine offizielle Bewilligung für das Fotoprojekt hatten wir nicht, doch niemand stellte Fragen. Im Gegenteil: Neugier, Freundlichkeit und praktische Hilfe begleiteten uns von allen Seiten. Die Menschen blieben stehen, schauten interessiert zu, machten Platz, damit wir arbeiten konnten. Heute wäre das wohl anders.
Die Atmosphäre ist feierlich, fast gelöst. Skepsis gegenüber uns, gegenüber dem Westen ist kaum spürbar. Und doch liegt über diesem Tag ein feiner Schatten – wenige Monate zuvor hat Russland die Krim annektiert. Noch kein offener Konflikt, aber ein Riss in der Oberfläche.
Die Parade ist ein präzise inszeniertes (Kriegs-)Schauspiel der Macht. Kampfflugzeuge ziehen farbige Rauchfahnen über den Himmel. Panzer wuchten sich über den Asphalt. Unzählige Raketen, einige so lang wie ein Schulbus. Scharfschützen liegen auf den Dächern, Zufahrtsstraßen sind mit Müllwagen und Militärfahrzeugen blockiert. Hunderte Metalldetektoren pressen die Menschenströme in kontrollierte Korridore – eine Szenerie, die an Orwells Roman erinnert – überwacht, durchorganisiert, ohne Raum für Zufälle.
Es ist eine Inszenierung aus Stolz, Disziplin und Macht. Doch in den Gesichtern der Veteranen liegt etwas, das sich nicht einfangen lässt: eine stille Melancholie, das Bewusstsein, dass ihre Erinnerungen bald nur noch aus zweiter Hand erzählt werden – und dass womöglich schon bald eine neue Generation von Kriegsveteranen ins kollektive Gedächtnis einziehen wird.
Heute, fast zehn Jahre später, wirken diese Porträts wie Relikte aus einer anderen Welt. Ein Moment, in dem Europa glaubte, große Kriege seien vorbei und Russland auf dem Weg in eine gemeinsame Ordnung. Die Veteranen – letzte Zeugen einer Epoche, die leise verschwand, ohne die Zeichen des heraufziehenden Sturms zu erkennen. Ein Tag, an dem das Unvorstellbare noch unvorstellbar schien.
Am Abend sind wir erschöpft und zufrieden mit dem entstandenen Material. Unsere Assistentin überredet uns, sie noch in einen Nachtclub zu begleiten, um den Tag zu feiern. Dort treffe ich zum ersten Mal russische Drag Queens – eine Szene so farbig, anarchisch und von einer Theatralik, dass selbst Fellini sie nicht greller hätte inszenieren können. Eine Porträtserie über russiche Draq Queens scheint unausweichlich…






























