Russische Cowboys – Der Traum von der Freiheit
Ein Essay über Hoffnung, Weiden und das Ende einer Illusion: Bilder (2019) und Text (2025), Pit Buehler
Von den saftigen Weiden im Westen Russlands bis zu den staubigen Ackern in Texas ist es ein weiter Weg. Und doch glaubte man eine Zeit lang fest daran.
Vor gut zehn Jahren, Anfangs 2010, als das Wort Krieg noch nicht über allem stand, begann der russische Fleischkonzern Miratorg in der Region Bryansk mit dem Aufbau einer gigantischen Fleischindustrie – vom Weizenanbau über die Rinderzucht bis zur Fleischverarbeitung. Alles vor Ort. Alles unter Kontrolle.
Die Gegend bot ideale Voraussetzungen: endlose Weiden, fruchtbares Ackerland, verlassene Industrieanlagen, billige Arbeitskräfte, geographische Nähe zu Europa, Asien und dem arabischen Raum – und vor allem: viel Platz für Träume.
Was dort entstehen sollte, war mehr als ein landwirtschaftliches Großprojekt. Es war der Versuch, die amerikanische Rinderzucht zu adaptieren – und eine eigene, russische Cowboy-Kultur zu erschaffen. Die Region verwandelte sich in eine Mischung aus Viehzucht und Vision: 400.000 Angus-Rinder und mehr als 500 Quarter Horses wurden importiert. Echte amerikanische Cowboys flogen ein, mitsamt Pferden, Lassos und Sätteln. Sie sollten nicht nur Know-how vermitteln – sondern auch Geisteshaltung: Western-Horsemanship, Tierpflege, Ethik. Disziplin, Unabhängigkeit, Freiheit.
Ehemalige Fabrikarbeiter, Techniker, Taxifahrer, Lehrer – wer keinen Job hatte, bekam ein Lasso und ein Pferd und wurde Teil dieses Traums. Bald ritten gegen 1.000 neuausgebildete Cowboys über die Felder. Man sprach von Teamgeist und Tierwohl. Von Respekt und Effizienz. Und immer wieder: von Freiheit.
Anfang 2018 stieß ich zufällig in der New York Times auf einen Artikel über dieses Projekt. Ich war sofort fasziniert – von der Eigenwilligkeit der Idee, der Ästhetik, der Anmassung. Dabei stets im Kopf; Die Marlboro Bilder von Hannes Schmid.
Im September 2019, während eines anderen Fotoprojekts im ehrwürdigenLeningrad Center in Sankt Petersburg, entschloss ich mich spontan, mit dem Zug weiter nach Bryansk zu reisen, um dort eine Porträtserie über die russischen Cowboys zu realisieren.
Vor Ort wurde ich von einem Mitarbeitenden von Miratorg empfangen, welcher extra aus Moskau angereist war. Offen, freundlich, fast überschwänglich – als wolle er mir beweisen, wie modern, wie westlich, wie transparent Russland sein kann. Und vielleicht auch: wie überlegen. Nachhaltiger, billiger, effizienter. Und er hatte damit wohl nicht ganz unrecht.
Die folgenden Tage fuhr ich von Farm zu Farm. Die Sprache sprach ich nicht und niemand sprach Englisch. Einige versuchten es mit nachgesprochenen Westernfloskeln, stark akzentuiert, charmant unbeholfen. Sie wussten, dass ich kommen würde – ein Fernsehbericht über meine Arbeit war kurz zuvor im russischen Fernsehen gelaufen. Das half. Und nach anfänglicher Skepsis taute man auf. Die Cowboys zeigten mir, was sie geschaffen hatten. Sie waren stolz – nicht nur auf sich selbst, sondern auf das, was dieses Projekt für sie bedeutete.
Am letzten Tag setzten sie mich aufs Pferd. Lasso, Rinder, staubige Posen – der ganze Westernzirkus, nur damit ich mich für einen Moment wie ein Cowboy fühlen konnte. Vielleicht war das ja unausweichlich, nach einer Kindheit mit Karl May und dem festen Glauben, Freiheit trage Sporen.
Die Porträts entstanden dort, wo die Realität staubig war und nach Pferdemist und Heu roch: in den Ställen, in denen tagsüber gearbeitet, abends getrunken und nachts geträumt wurde. Ein mobiles Fotostudio, ohne Kulisse – nur Licht, Schatten, Staub, Schweiss und Stolz. Die Protagonist:innen entschieden selbst, wie sie sich zeigen und inszinieren wollten.
Die Lichtführung war bewusst reduziert. Klassisches Rembrandtlicht. Die Modellierung von Licht und Schatten sollte den Porträts Tiefe und Ruhe verleihen. Es ging nicht um Effekt, sondern um Präsenz. Nicht Verkleidung war das Ziel, sondern Wahrheit – oder zumindest ein ehrlicher Versuch davon. Der Versuch, in diesen Gesichtern etwas einzufangen von einer Hoffnung, die grösser war als das Land, in dem sie geboren wurde.
Die Resultate waren eindrucksvoll, manchmal skurril. Männer auf Pferden, mit stoischer Miene und Lasso in der Hand. Frauen, gross, kräftig, mit fester Stimme. Andere zierlich, ehrgeizig – entschlossen, sich in dieser Männerwelt zu behaupten. Der Umgang mit den Tieren: überraschend sanft, fast freundschaftlich. Das Fleisch auf dem Teller: zart, perfekt grilliert, besser als in manchem westlichen Steakhaus.
Die Tiere lebten auf grosszügigen Weiden. Kleine Herden – meist fünf bis sechs Kühe, ein Stier. Kranke Rinder wurden separiert, gepflegt, später wieder integriert. Die Offenheit war beinahe trotzig. Die Vorwürfe aus Europa – verbotene Substanzen, mangelnde Kontrolle – wirkten hier wie Zitate aus einem überholten Propagandakatalog.
Und doch lag unter der fröhlichen Cowboy-Fassade eine Ahnung. In unseren holperigen Wortwechseln fiel immer wieder ein Wort: Krieg. Es klang wie ein Echo aus der Vergangenheit, fehl am Platz in einer Landschaft, die so friedlich wirkte. Auf den Feldern: Kühe. Am Horizont: endlose Wälder. Dazwischen: neue Strassen, umzäunte, anonyme Anlagen. Militärisch, aber unbenannt. Russland bereitete sich vor. Der Westen hörte nicht hin.
Einige Jahre zuvor hatte ich im Rahmen eines anderen Projekts russische Kriegsveteranen bei der grossen Militärparade in Moskau porträtiert – Männer aus dem 2. Weltkrieg, Afghanistan, Syrien. Ich hielt sie für Relikte einer vergangenen Zeit, wollte eine zeithistorische Porträtserie schaffen. Auch das war ein Irrtum.
Heute liegt Bryansk nur 150 Kilometer von der Front entfernt. Einige der damaligen Cowboys tragen nun Uniform. Eine Wahl hatten sie wohl nicht. Sie wurden eingezogen. Die Lederweste wich dem Tarnanzug. Der Cowboyhut dem Helm.
Zurück bleiben Bilder aus einer Zwischenzeit. Eine Porträtserie russischer Cowboys, irgendwo zwischen Aufbruch und Abgrund, zwischen Rodeo-Romantik und geopolitischer Realität.
Der Traum, ein Stück amerikanische Freiheit auf russischem Boden zu leben, das Wilde Westliche in den Osten zu übersetzen, scheint zerplatzt, lautlos und ohne Happy End.




























