Of Women and Trees – Ein visuelles Gespräch über Verwurzelung, Kraft und Gesellschaft
Es gibt Sätze, die fallen wie ein Kiesel in einen stillen See – und ihre Kreise reichen weit über den Moment hinaus. Vor fast zwanzig Jahren stieß ich in Tallinn auf diese Worte: „I don’t believe in God, but women and trees are proof of His existence.“ Der Autor blieb unbekannt, doch der Gedanke setzte sich fest. Ich schrieb ihn auf einen Zettel und heftete ihn an die Wand über meinem Schreibtisch. Dort hängt er bis heute – als stilles Gegenüber, als Frage, als Erinnerung.
Aus dieser Begegnung ist ein Projekt erwachsen: „Of Women and Trees“. Es ist mehr als eine Fotoserie – es ist ein visuelles und erzählerisches Werk, das die Grenzen zwischen Kunstfotografie und gesellschaftspolitischem Essay verschiebt. Das Projekt richtet seine Kameras auf Frauen der Region Zug – Frauen, die prägen, gestalten, wirken. Frauen, deren Geschichten oft ungehört bleiben, obwohl sie unsere Gesellschaft tragen. Ihre Porträts werden flankiert von Aufnahmen von Bäumen – Sinnbilder für Verwurzelung und Erneuerung – und von Street Art, die gesellschaftliche Rollenbilder seziert und kommentiert. So entsteht ein Dialog: zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Natur und Kultur, zwischen leiser Beobachtung und deutlicher Geste. Es geht nicht um Symbole, sondern um Menschen. Mit Ecken und Kanten, mit Stimmen und Geschichten. Deshalb geben die Porträtierten ihre Perspektive selbst preis – ihre Worte erweitern die Bilder zu einem erzählerischen Narrativ.
Jede dieser Persönlichkeiten steht für eine eigene Form von Stärke: Pia, die junge Bäuerin, deren Familie gemeinsam die Zuger Chriesi-Ernte stemmt – ein Bild für Tradition, Gemeinschaft und unermüdliche Energie. Blerta Quni, Martial-Arts-Kämpferin, die sich in einer Männerdomäne durch eiserne Disziplin und Willenskraft ihren Platz erkämpft hat. Najoud, die Geflüchtete, deren Geschichte von Neubeginn und Hoffnung erzählt. Nina Betschart, Bronzemedaillengewinnerin im Beachvolleyball bei den Olympischen Spielen in Paris – ein Symbol für sportliche Exzellenz und Ausdauer. Jeannine Exter, Tattoo-Artistin und Unternehmerin, die Kunst und Selbstbestimmung verbindet. Maya Xhemailin, professionelle Tänzerin, deren Bewegung Ausdruck von Freiheit und Körperkunst ist. Steffi Reichmuth, Triathletin, die Grenzen verschiebt – physisch und mental. Jill Nussbaumer, Politikerin, die sich für gesellschaftliche Veränderung stark macht und sich besonders für die Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften einsetzt. Und schließlich Alice Rüttimann, über 100 Jahre alt, Wirtin eines lokalen Restaurants – gelebte Geschichte, Verwurzelung und Widerstandskraft.
Alle diese Frauen wohnen, arbeiten oder sind in Zug aufgewachsen. Jede von ihnen ist ein Teil des kulturellen und sozialen Gefüges dieser Region. Warum Frauen, Bäume und Street Art? Frauen verkörpern Kraft, Wandel und die Fähigkeit, Gesellschaft zu prägen. Bäume sind Metaphern für Verwurzelung und Erneuerung – sie wachsen, tragen, überdauern. Street Art kommentiert Rollenbilder und Machtstrukturen – sie ist die Stimme der Straße, direkt und unverblümt. Gemeinsam bilden sie ein visuelles Gespräch über Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Dynamik. „I don’t believe in God, but women and trees are proof of His existence.“ Vielleicht war er nie als Leitmotiv gedacht. Aber er ist es geworden. Ein Satz, der das Zweifelnde und das Hoffende zusammenhält. Ein Satz, der zwischen Ironie und Ernst balanciert. Vor allem aber ein Satz, der Wurzeln geschlagen hat – in einer Idee, in einer Stadt, in Bildern, die von Frauen und Bäumen erzählen.



















