Die Macht in ihren Händen
Porträt einer Domina: Zwischen Kriegsflucht, Kontrolllust – und der Suche nach Sicherheit und Freiheit. Text und Bilder; Juni 2025, Pit Buehler

Ein unscheinbarer Plattenbau in Warschau. Erdgeschoss. Eine kleine, helle Wohnung, geschmückt mit frischen Blumen, zwei treuen Hunden – und einer Frau, die sich ihren Platz in der Welt selbst geschaffen hat. Sie ist Mitte dreißig, stammt aus der Ukraine, lebt seit dem Krieg in Polen. Früher leitete sie eine IT-Firma mit über 200 Mitarbeitenden, überwiegend Männer. Heute ist sie eine professionelle Domina. Eine Frau, die Männer gegen Bezahlung kontrolliert, demütigt, beherrscht. Und dabei stets die Oberhand behält.

Neun Männer nennt sie ihre Sklaven. Berührungen sind tabu. Alles ist ein Spiel: ritualisiert, kontrolliert, streng geregelt. Macht statt Nähe. Regeln statt Romantik. Die Männer, mit denen sie arbeitet – allesamt aus dem oberen Machtsegment: Politiker, Unternehmer, Spitzensportler. Sie begegnet ihnen mit jener souveränen Selbstverständlichkeit, mit der sie einst ihre Teams führte – ruhig, bestimmt, ohne einen Hauch von Unsicherheit.

Ich bin Fotograf. Bei einem meiner Langzeitprojekte befasse ich mich mit Geschöpfen der Nacht – von Menschen, deren Lebensentwürfe außerhalb unserer Konventionen liegen, jenseits des gesellschaftlich Vereinbarten.

Dabei lerne ich vor einigen Jahre in Kiew eine Mistress kennen – biologisch männlich, in Frauenkleidung, präzise inszeniert. Sie nahm damals an einem Shooting teil und lud mich anschließend zu einem Shibari-Ritual ein. Körper hingen dort, kunstvoll verschnürt, wie lebende Skulpturen. Der Kontakt blieb lose. Als der Krieg ausbrach, wurde auch sie eingezogen. Drei Monate hielt sie durch, dann floh sie – psychisch erschöpft, körperlich unversehrt. Heute lebt sie mit ihrer submissiven Partnerin in Warschau und befindet sich in geschlechtlicher Transition.

Vor meiner Reise nach Warschau schrieb ich ihr. Sie antwortete prompt – und übernahm die Organisation des Shootings. Mit sorgfältig ausgewählten Charakteren aus ihrer Szene, zu welchen auch die Domina gehörte.

Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung im Studio – sie trat mit einer Präsenz auf, die nicht nach Aufmerksamkeit suchte – sie gehörte ihr längst. Kein Zögern, kein kalkuliertes Mysterium – sie sprach über ihren Beruf als Domina mit der beiläufigen Klarheit einer Frau, die sich längst von der Notwendigkeit distanziert hat, irgendetwas zu rechtfertigen.

Ihre Offenheit wirkte nicht wie ein Gesprächsangebot, sondern wie ein stiller Filter. Ein Test. Den ich offenbar bestanden hatte. Sie registrierte meine Mischung aus Neugier, Skepsis und einem Hauch Überforderung – und sie genoss sie. Am Ende sagte sie, beinahe nebenbei: Wenn du willst, komm mit mir morgen zu einer Kinky-Party. Du darfst meine Verwandlung dokumentieren und mich begleiten– zumindest bis zu dem Punkt, an dem Schweigen wichtiger wird als Bilder.

Ob ich wusste, worauf ich mich einließ? Wahrscheinlich nicht. Aber wer will das schon so genau wissen. Neugier ist ein Laster, das ich mir als Künstler leisten darf.

Einige Stunden vor der Party treffe ich sie wieder, bei ihr zu Hause. Ihre Wohnung: schlicht, fast zurückhaltend. Kein Prunk, keine Requisiten. „Ich trenne streng zwischen Arbeit und Privatleben“, sagt sie. Sie lebt mit ihrer Schwester, einer professionellen Balletttänzerin. Die Mutter hilft bei der Outfitwahl – Leder, Latex, Korsagen – und unterstützt sie bei der Vermarktung. „Ich bin nicht das schwarze Schaf der Familie. Eher das mutigste.“

Bei einem Tee legt sie mir ein Kartenset vor. Kein Tarot, sondern eine psychologische Übung zur Bestimmung von Fetischen. Ich soll die Karten sortieren: anziehend, neutral, abstoßend. Machtspiele, Schmerz, Fesselung, Füße. Ich bemühe mich um Ehrlichkeit – vielleicht auch um Witz. Sie sagt nichts, als sie meine Auswahl sieht. Sie lächelt – verheißungsvoll, leicht spöttisch – und legt die Karten wortlos beiseite. Ob überrascht oder enttäuscht, bleibt offen. Ihren eigenen Fetisch behält sie für sich. Noch.

Die Kinky-Party findet in einer anonymen Bar ausserhalb des Stadtzentrums statt. Im Untergeschoss: rot schimmernde Massageräume, Shibari-Installationen, ein Liebeszimmer, ein Glory Hole- sowie Aufenthaltsräume. Oben: eine düstere Galerie und eine offene Bar. Hier ist jeder willkommen. Grenzen verschwimmen nicht – sie werden verhandelt.

Ich begleite sie in die Garderobe. Werde Teil eines Verwandlungsprozesses. Ihr zierlicher Körper verschwindet langsam unter einer zweiten Haut – Latex, schwarz, glänzend, erbarmungslos eng. Sie sieht darin atemberaubend aus, fast übermenschlich – alles sitzt, alles betont. Ich gehe für ein Close-up näher ran. Zu nah vielleicht. Der Geruch ist schwer zu ignorieren – irgendetwas zwischen Klinik und Werkstatt. Ich denke an den jährlichen Winterreifenwechsel. Latex, definitiv nicht mein Fetisch…

„Sie ist kein Klischee. Kein Mythos. Sie ist eine Frau, die genau weiß, was sie tut. Unabhängig, unnahbar, sensibel – und konsequent. Beziehungen? Nein. Kinder? Kein Thema. Ihre Freiheit ist ihr größtes Gut.

Die Regeln sind klar: keine Berührungen, kein Sex. 15 Minuten kosten 100 Dollar. Die Sklaven müssen für sie kochen, putzen, sie anbeten. Manche zahlen dafür, dass sie ihnen in messerscharfen High Heels über den Rücken läuft und erniedrigt werden, andere lieben die Peitsche. Es geht nicht um körperliche Lust. Es geht um Schmerz, Kontrolle, Dominanz, um das Spiel damit.

Und manchmal, sagt sie, sind ihre Sklaven auch nützlich. Wenn ihre Laune kippt, wenn sie selbst einen schlechten Tag erwischt, wird ein Sklave einbestellt. Ohne Vorwarnung, ohne Anlass. Um zu kochen, zu schrubben, zu polieren, den Boden mit der Zunge zu lecken, bis er glänzt wie neu versiegelt. So oft und so lange, wie es der Herrin gefällt.

Die Stimmung ist an diesem Abend verhalten. Keine Eskalation, wenig ausschweifendes, eher stille Beobachtung. Keiner ihrer Sklaven ist da. „Das ist kein Ort für Begegnungen mit ihnen“, erklärt sie. Ich beobachte, dokumentiere, schweige. Sie wartet, sagt wenig. Selbst in der Stille bleibt sie Mittelpunkt. Eine Frau,  die nicht sucht – aber bereit ist, gefunden zu werden. Vielleicht sitzt in dieser Bar jemand, der bald ihre Anweisungen befolgen wird. Vielleicht auch nicht. Es spielt keine Rolle. „Ich wähle meine Kunden. Ich bestimme die Regeln.“

Das Publikum: eine trans Mistress mit ihrer devoten Sklavin, ein junges Paar, verstreute Gestalten dazwischen – Frauen wie Männer, kaum verhüllt, dafür offen für das, was sich unter der Oberfläche ereignet.

Am Ende dieser Nacht hatte ich viele Fragen – und das Gefühl, einer Welt begegnet zu sein, die weniger mit Obszönität zu tun hat als mit Struktur, Kontrolle und einem tiefen Verlangen nach Ordnung. Eine Welt, die sich nicht jedem öffnet – aber mir, für einen Moment, Einlass gewährte.

Beim Gehen legt sie mir die Hand auf die Schulter. Beugt sich vor. Und flüstert mir ins Ohr:

„Langhaarige Männer sind mein Fetisch.“

Dann verschwindet sie. Lautlos, entschlossen – wie ein Schatten, der weiß, dass die Dunkelheit auf ihn wartet.

Datenschutz-Einstellungen
Wir verwenden Cookies, um Ihre Erfahrung bei der Nutzung unserer Website zu verbessern. Wenn Sie unsere Dienste über einen Browser nutzen, können Sie Cookies über die Einstellungen Ihres Webbrowsers einschränken, blockieren oder entfernen. Wir verwenden auch Inhalte und Skripte von Drittanbietern, die Tracking-Technologien verwenden können. Sie können unten selektiv Ihre Zustimmung erteilen, um solche Einbettungen von Dritten zuzulassen. Vollständige Informationen über die von uns verwendeten Cookies, die von uns gesammelten Daten und die Art und Weise, wie wir sie verarbeiten, finden Sie auf unserer Datenschutzbestimmungen
Youtube
Zustimmung zur Anzeige von Inhalten aus - Youtube
Vimeo
Zustimmung zur Anzeige von Inhalten aus - Vimeo
Google Maps
Zustimmung zur Anzeige von Inhalten aus - Google