Nachruf: Marlen Scandal – Zwischen Maske, Realität und Wahrheit
Ein Freund, ein Künstler, ein Suchender. Erinnerungen an Sasha – und an die Magie um Marlen Scandal. Text 09.2025, Bilder 2018-2021, Pit Buehler

Es war ein sanfter Frühlingstag in Kyiv, fast zehn Jahre ist es her, als ich Sasha zum ersten Mal begegnete. Er kam nicht allein ins Fotostudio, sondern begleitet von seiner Freundin, seiner Muse – er, ein junger, attraktiver Mann, an seiner Seite eine ebenso attraktive Frau. Vor meinen Augen vollzog sich dann eine Verwandlung, die mich bis heute berührt: Aus Sasha wurde Marlen Scandal, eine Figur wie aus einem Fantasybuch, eine Drag Queen, die Bühne und Raum an sich nahm, als hätte er dort von jeher hingehört, als sei dies der Ort, an dem er wahrhaftig er selbst sein konnte.

Ich war fasziniert von der Energie dieser Transformation, der Leichtigkeit, mit der er Rollen wechselte, und zugleich von seiner warmen, offenen Art. Schon damals spürte ich: Es ging bei Sasha nie nur um Maske, Kostüm, Glanz. Sein Spiel mit Identitäten war ein Ringen – hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Persönlichkeiten, verschiedenen Leben. Er konnte lachen, zuhören, Aufmerksamkeit schenken, mit einer Ehrlichkeit, die selten und authentisch ist. Und die Bilder, die wir damals schufen, spiegelten genau das: dramatisch gesetztes Licht, oft in der Tradition des Rembrandtlichts, inszeniert und zugleich intim, Bilder, die mehr waren als Porträts – sie waren kleine Theaterstücke, eingefroren in einer einzigen Aufnahme.

Unsere Begegnungen setzten sich fort. Bei meinem nächsten Besuch organisierte er einen Club im Herzen Kyivs, der für eine Nacht weniger Fotostudio als vielmehr Bühne wurde, ein theatraler Raum voller Erwartung. Ich brachte ein professionelles Setup mit, Fotoassistenten und Make-up-Artisten, und Stunde um Stunde füllte sich der Raum mit Gestalten: Drag Queens, Dominas, Models, Schlangentänzer, Kriegsveteranen, Ballettänerinnen, Feuerschlucker, Protagonist:innen aus der LGBTQ-Community, Transgender-Persönlichkeiten. Und immer wieder Sasha: mal als Diva, mal als stiller Beobachter. Er stellte sich ins Licht, nur um es gleich darauf anderen zu überlassen. Er inszenierte sich, ja – doch sein größtes Glück war es, wenn auch andere glänzen durften.

Typisch Sasha war, dass er immer auch an mich dachte. Einmal bestand er darauf, eine kräftige, massive Masseurin ins Shooting einzuladen – Olga –, die mich für eine halbe Stunde durchknetete. Ich wehrte mich, es war mir peinlich und ich war ängstlich vor dieser Wucht. Doch im Nachhinein musste ich schmunzeln: Es tat gut, es war überraschend, absurd, fast grotesk – und eben typisch Sasha. Er wollte, dass es den anderen gut ging. Dass auch ich mich aufgehoben, wertgeschätzt, entspannt fühlte.

So wuchs unsere Freundschaft. Bei jedem Besuch in Kyiv wurde er ein Fixpunkt in meiner Agenda. Er brachte Menschen zusammen, öffnete Türen, schuf Räume, in denen alles möglich schien. Manche unserer Bilder fanden später ihren Platz in einem Bildband. Als ich ihm ein Exemplar schenkte, war er stolz, beinahe kindlich glücklich. Ich versprach ihm eine persönliche Widmung. Dazu sollte es nicht mehr kommen.

Es kam der Krieg – meine Reisen in die Ukraine mussten auf Eis gelegt werden. Wir blieben sporadisch in Kontakt, ab und zu kurze Nachrichten, kleine Lebenszeichen, Fragen nach dem Befinden. Sasha war stets positiv, optimistisch, auch wenn ich wusste, dass es um seine Gesundheit nicht gut stand. Seine Leber war schwer angegriffen, er brauchte dringend eine neue. Es war ein Rennen gegen die Zeit. Heute habe ich erfahren, dass Sasha dieses Rennen verloren hat.

Es ist ein schwerer Gedanke, dass Sasha nicht mehr da ist: dass es keine gemeinsamen Shootings mehr geben wird, keine langen Nächte in schummrigen Bars, kein Karaoke in einem überfüllten Underground-Club. Sasha war vieles zugleich: eine Diva, ein verletzlicher Junge, ein Freund, ein Suchender. Manchmal wirkte er still, nachdenklich, fast verloren – und dann wieder sprühte er vor Energie, als wolle er die Welt im Sturm erobern.

Vielleicht war es genau das, was ihn ausmachte: das Changieren zwischen Rollen, zwischen Stärke und Verletzlichkeit, zwischen Pose und Wahrheit. In ihm lag ein Wissen um die Zerbrechlichkeit des Augenblicks – und zugleich ein Wille, diesem Augenblick ein unvergleichliches Leuchten einzuschreiben.

Er hinterlässt eine Lücke. Aber auch Erinnerungen: Gespräche, Begegnungen, Bilder. Vor allem aber das, was zwischen den Bildern bleibt: dieses Leuchten. Mach’s gut, Sasha. Mach’s gut, Marlen. 

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