„Lee ‚Scratch‘ Perry – Begegnungen mit The Upsetter
Ein Leben zwischen Feuer, Rauch und der Magie des Dub. – meine Begegnungen mit Lee „Scratch“ Perry. Text Pit Buehler, 2025, Bilder Pit Buehler, 2012-2021
Das erste Mal, als sich unsere Wege kreuzten, war zufällig in den Gassen von Einsiedeln, einem kleinen Dorf in der Schweiz. Das war 2010. Eine skurrile Figur, ein bunter Vogel: Er zog einen Leiterwagen voller CDs, Figuren, Hüte, Löwenfahnen, Rasta-Farben und anderer Accessoires hinter sich her – alles klapperte durcheinander. Niemand wunderte sich. In Einsiedeln war Lee „Scratch“ Perry längst ein Stadtoriginal. Ich sah ihm fasziniert nach, ohne zu ahnen, dass ich ihn Jahre später in ganz anderer Intensität erleben würde.
Einige Monate später erzählte mir ein Freund vom Mythos Lee „Scratch“ Perry, und so schrieb ich ihm eine Nachricht, ob er an einer Zusammenarbeit interessiert wäre. Lange hörte ich nichts, bis sich schließlich seine Frau Mireille meldete. Sie lud mich in ihr Haus ein. Schon beim Betreten war mir klar: Hier herrschte kein Alltag und keine Routine, sondern eine Mischung aus Kreativwerkstatt, Bühne, Musiklabor, Wohnzimmer und süssem Duft.
Lee ließ mich nicht lange warten. Ein kleiner, sympathischer Mann, gekleidet wie ein Paradiesvogel, mit einer selbstgebastelten Baseballmütze voller Symbole und Artefakte auf dem Kopf. Er sprudelte voller Ideen, voller Energie – manchmal genial, manchmal verrückt, manchmal einfach nur Gastgeber. Charmant und freundlich, und im nächsten Moment exzentrisch und unberechenbar. Eine groteske, beinahe kindische Geste konnte ebenso Teil seines Kosmos sein wie eine plötzliche Radikalität: ungebremst, unlogisch und gerade deshalb konsequent.
Wir sassen zusammen in Lees Wintergarten, einem riesigen Indoor-Gewächshaus voller exotischer Pflanzen und stimmungsvoller Accessoires. Während er mir ein Glas Rotwein einschenkte, drehte er sich genüsslich einen Joint und blies mir den Rauch entgegen. Dabei entstanden die ersten Bilder – Aufnahmen, die später auf Ausstellungen gezeigt und international prämiert wurden. Gut, dass mich auf der Heimfahrt niemand anhielt, denn der süssliche Nebel seiner Gastfreundschaft hätte sicher Fragen aufgeworfen.
Für unsere Fotoshootings brachte ich Requisiten mit – eine Jesusstatue etwa, die sich wunderbar in seine Sammlung skurriler Gegenstände fügte. Am Ende war sie verschwunden, auf geheimnisvolle Weise in sein Universum eingesogen. Ein anderes Erlebnis war die Session mit Kerze: eine fantastische Idee, ästhetisch überwältigend. Doch nur wenige Tage später meldete sich Mireille: Lee hatte damit sein Studio in Brand gesetzt. Diesmal war es nicht vorsätzlich, doch die Szene erinnerte an frühere Episoden. Schon das legendäre Black Ark Studio in Kingston, wo er Bob Marley und zahllose andere produzierte, hatte er eigenhändig niedergebrannt. Für ihn war das kein Akt der Zerstörung, sondern eine Reinigung: Schlechte Vibes ließen sich nur durch Feuer austreiben.
Bei jedem Shooting verwandelte er sich. Er inszenierte sich selbst, wechselte Sujets und Gesten so schnell, dass ich nur einen Bruchteil davon einfangen konnte. Es war Performancekunst in Reinform – flüchtig, überbordend. In diesen Momenten wirkte er am lebendigsten.
Und so entstanden über die Jahre ganz verschiedene Aufnahmen. Lee war offen für alles, hatte eigene Ideen, inszenierte sich unermüdlich. Oft schien ihm alles klar, auch wenn ich manchmal nicht verstand, was es mit seinen verrückten und bisweilen bizarren Accessoires und Symbolen auf sich hatte und was er damit ausdrücken wollte.
Lee „Scratch“ Perry verwendete in seiner Kunst und Musik eine Vielzahl von Symbolen, inspiriert von seiner Rastafari-Religion, seiner Liebe zur Natur und seinem Interesse an Mystik und Kosmologie. Haile Selassie, die schwarze Madonna, Tiere und Naturwesen tauchten immer wieder auf – Zeichen seiner spirituellen Überzeugungen und seiner Suche nach einer Gegenwelt zu „Babylon“. Für Perry war Haile Selassie, den er 1966 in Jamaika begrüßte, nicht nur ein Kaiser, sondern göttliche Inkarnation.
Doch trotz all seiner Kreativität war er auch neugierig auf meinen Input. Er freute sich über meine Vorschläge und ließ sich sogar begeistern, als ich ihn bei einem Shooting mit farbigem Pulver bewarf. Seine beiden Söhne assistierten mir dabei – und Lee bestand darauf, dass sie ab und zu posieren und sich inszenieren lassen mussten.
Auch bei Konzerten erlebte ich ihn. Seine Stimme war mit den Jahren brüchig geworden, nicht mehr so kräftig, aber er sang mit Freude, mit Authentizität. Nichts daran wirkte aufgesetzt. Er war präsent, ein Original, ganz er selbst.
Um ihn herum existierte eine kleine Welt, die den Alltag wieder ins Bild rückte: Filmemacher, eine Assistentin, die Haushälterin, seine Frau Mireille – gesprächig, temperamentvoll, charismatisch und seit den späten Achtzigern seine Partnerin und Managerin. Die Zürcherin, die er einst bei einem Konzert kennenlernte und Anfang der 1990er-Jahre im Krishna-Tempel in Zürich heiratete, war zuvor Domina und Reggae-Plattenverkäuferin – und wurde für Perry zur Managerin, Stütze und Mitgestalterin seines späteren Lebens. Zwei gemeinsame Kinder, dazu vier weitere aus früheren Beziehungen. Eine ganz normale Familie – und doch zugleich das Epizentrum eines Künstlers, der unaufhörlich zwischen Genie und Wahnsinn oszillierte.
Als mich die Nachricht von Lees Tod erreichte, blieben Bilder zurück, die für Magazine und PR genutzt wurden, ein paar signierte Abzüge, ein Buchprojekt. Für mich jedoch bleibt die Erinnerung an Begegnungen mit einem Menschen, der alles gleichzeitig war: freundlich, chaotisch und präzise, Gastgeber und Prophet, Kind und Genie – ein Free Spirit, eine Quelle der Inspiration. Ein Künstler, der mit seiner Persönlichkeit Musiker wie Adrian Sherwood, die Beastie Boys oder The Orb beeinflusste – und in seinem Black Ark Studio Songs mit Bob Marley und den Wailers schuf, die Marley zum internationalen Star machten.
Mit ihm verschwand eine der letzten Stimmen jener Generation, die Reggae und Dub aus der Karibik in die Welt getragen hatten. Doch The Upsetter blieb bis zuletzt das, was sein Name versprach: ein Störenfried, der alles Bestehende umwarf, und zugleich ein Alchemist, der das Feuer liebte, um aus der Asche neue Musik, neue Bilder, neue Mythen entstehen zu lassen.
Im August 2021 starb er im Alter von 85 Jahren in Jamaika. Die Welt wird ihn schmerzlich vermissen, weil er uns daran erinnerte, dass Kunst erst dann lebt, wenn sie Regeln bricht.

















































