Jay Fuchs – Muskeln, Marmor und Melancholie
Ein Essay über ein Leben zwischen Disziplin und Exzess – zwischen roher Kraft und Verletzlichkeit. Bilder ab 2012 und Text 2025, Pit Buehler
Jacqueline „Jay“ Fuchs wuchs in der ländlichen Schweiz auf, in einem Haus, in dem Befehle lauter waren als Gespräche. Der Vater – ein Patriarch alter Schule, roh, dominant. Nähe war selten, Wärme ein Fremdwort. Heute besteht zum Elternhaus kaum noch Kontakt, auch nicht zur Schwester. Familie ist eine Sprache, die sie längst verlernt hat. – Früh lernte sie, allein zu stehen und jede Abhängigkeit zu meiden. Als Frau will sie gesehen werden, aber zu ihren Bedingungen. Ihre Muskeln sind keine Mauer gegen Weiblichkeit, sondern eine andere Architektur dafür. Schönheit, Sinnlichkeit, Sensibilität – alles vorhanden, nur nicht in der Verpackung, die das Hochglanzmagazin bevorzugt. Beziehungen hatte sie nur mit Männern, meist kompliziert – Nähe war nie selbstverständlich, sondern immer etwas, das erkämpft werden musste.
Unser erstes Treffen liegt fast fünfzehn Jahre zurück. Sie kannte meine Arbeiten und wollte mit mir zusammenarbeiten. Wir verabredeten uns in einem Café in Zug. Als Jay den Raum betrat, war es, als veränderte sich die Gravitation. Gespräche stockten, Espressotassen verharrten in der Bewegung. Man fragte sich: Mensch? Frau? Statue? Fake? Ich war fasziniert – die Chemie zwischen uns stimmte sofort. Meine Vorstellungen für eine Zusammenarbeit waren simpel: keine klassischen Bodybuilding-Posen, kein Muskelzirkus – sondern etwas, das überrascht, das provoziert. Jays Augen leuchteten – genau ihr Terrain.
Ich wollte keine Ketten, keine Fitnessstudio-Kulisse, sondern etwas Verrücktes. Also bat ich sie, zum ersten Shooting einen rohen Tintenfisch mitzubringen – irgendwie passend: Sie ernährt sich fast ausschließlich von Fisch, lebt in einer Symbiose aus Protein und Disziplin. Der Tintenfisch als Metapher für Verwandlung – halb Mensch, halb Meereswesen. Meine Make-up-Artistin war weniger begeistert, als die Tentakel den Weg auf Jays Kopf fanden und Öl über den Muskelreliefs glänzte. Jay? Sie lachte, als hätte ich ihr ein Geschenk gemacht. Einige Stunden nach dem Shooting schrieb sie mir, sie habe den Oktopus verspeist – er habe vorzüglich geschmeckt. Ich fand das bizarr, aber konsequent.
Über die Jahre entstand so eine Serie, die näher an Performancekunst als an Sportfotografie liegt. Jay taucht darin auf wie eine Figur aus einem Gemälde: in schwarzer Bodypaint, eine Lilie in der Hand, Caravaggios Engel der Apokalypse. Mit einem Schweineherz in der Faust und einer gemalten Narbe auf der Brust – eine Szenerie, die Francis Bacon kaum brutaler hätte entwerfen können. Ein anderes Mal hinter Glas, verschwommen wie ein Standbild aus einem europäischen Arthouse-Film. Oder mit verdorrten Blumen, Federn, einer Jesus-Statue – Vanitas-Symbole, die an die Altäre von Bosch oder Rembrandt erinnern. Jedes Bild weniger Dokument als Vision, eine Verdichtung von Mythos, Fleisch und Malerei.
Jay zählt zu den zehn muskulösesten Bodybuilderinnen der Welt, ist ehemalige Thaibox-Weltmeisterin und ausgebildete Konditorin. Sie ist eine Frau, die sich weigerte, sich von „Sugar Daddys“ oder fetischbesessenen Typen ausnutzen zu lassen. Stattdessen putzte sie Treppenhäuser, stand nachts an Tankstellen, lebte zeitweise in besetzten Häusern ohne Strom und fließend Wasser.
Jays Körper ist Kapital und Kunstwerk zugleich, geformt mit der Konsequenz, mit der Michelangelo einst den David aus dem Marmor schlug – ein lebendes Relief. Ihre Brust fühlt sich an wie ein in Leder gehüllter Amboss, jede Ader präzise wie mit dem Pinsel eines alten Meisters gezogen. Frauen mit Muskeln sind nicht mein Fetisch, auch wenn mich die Ästhetik dieser Körper und das schiere Ausmaß an Schweiß und Disziplin faszinieren. Bodybuilding auf diesem Niveau trägt den süßen und gefährlichen Beigeschmack einer Droge – eine Spirale, die sich immer weiter dreht, ohne Ausstieg.
Die Vorbereitungen auf Wettkämpfe sind ein Selbstmord auf Raten: monatelanges Fasten, verbotene Substanzen, exzessives trainieren, das Immunsystem im roten Bereich. Und dann die Preisverleihungen – oft mehr Theater als Wettbewerb, ein abgekartetes Spiel, Preisgelder ein schlechter Witz. Sie lächelt trotzdem – was sollte sie auch sonst tun, wenn Aufhören keine Option ist.
Irgendwann kam der Ruf der Filmwelt: Jay Fuchs in der Hauptrolle des surrealen Body-Horror-Films Body Odyssey, an ihrer Seite die Filmgröße Julian Sands. Es folgte ein Abstecher ins groteske Heimatkino mit dem Trashfilm Mad Heidi und eine Nebenrolle in der Schweizer Serie Malony. Man möchte glauben, dass die Scheinwerfer ihr endlich die Anerkennung geben, die der Sport verweigert hat.
Doch auch heute höre ich in ihren Sprachnachrichten manchmal das Zittern zwischen den Zeilen. Sie bleibt optimistisch, sicher, dass sich „zur richtigen Zeit eine Tür öffnet“. Vielleicht tut sie das ja. Verdient hätte sie es – schon lange. Jay wird trotzdem weiter posieren – ob mit Lilie, Tintenfisch oder Feder. Die Show must go on…
Unsere Freundschaft bleibt. Wir sehen uns, wenn Zeit und Lust zusammenfallen, erfinden neue Bilder, wobei oft mehr entsteht, als wir geplant hatten. Nebenbei halten wir fest, wie sich ihr Körper verändert – feiner, härter, weicher, alles zugleich. Botox, Haartransplantation, frische Tattoos, kleine Eingriffe, große Gesten. Nichts steht still.
Am Ende ist Jay nicht nur Muskel, sondern ein Unikat, eine Nonkonformistin – wie eine Skulptur von Rodin: kraftvoll, verletzlich, vom Leben gezeichnet.

















































