Dschibuti – Chronik einer Zugfahrt
Staub, Salz und eine alte Sehnsucht. Text und Bilder; April 2008, Pit Buehler
Djibouti – ein unscheinbarer Fleck auf der Weltkarte, doch von strategischer Bedeutung. Einst Französisch-Somaliland, heute ein unabhängiger Staat am Horn von Afrika, eingeklemmt zwischen Somalia und Äthiopien. Hier, wo Frankreich seine Fremdenlegion stationierte und Piraten den Golf von Aden unsicher machten, liegt eine Stadt, die wirkt wie ein vergessenes Kapitel: bröckelnde Mauern, Autowracks, Müllberge, alles überzogen von einem Staubfilm, der sich wie ein grauer Schleier über die Straßen legt.
Zwischen Armut und Rost brechen Farben hervor wie ein Aufstand gegen die Tristesse. Frauen in Indigo und Papaya-Orange gleiten durch die Gassen, bewegte Pinselstriche auf einer staubigen Leinwand. Früchte- und Gewürzstände leuchten in Grün, Rot, Ocker und Currybraun, als wollten sie die Sonne übertrumpfen. Über allem liegt ein Geruchsgemisch: salzige Meeresluft, Koriander, Diesel und der süßliche Duft von Kaffee, der auf glühender Kohle brodelt. Es ist ein Ort, der verloren scheint und doch trotzig lebt – verwahrlost, ja, aber nicht ohne Seele. Eine Stadt, die ihre Würde verteidigt, zwischen Staub und Salz, Farben und Lärm.
Es ist Anfang April 2008. Die Kunstakademie in Leipzig hat mich als Gast in ihre Meisterklasse der Fotografie eingeladen. Zwischen Seminaren finde ich Zeit für Reisen. Das Horn von Afrika lockt. Auf gut Glück buche ich einen Flug nach Äthiopien und von der Hauptstadt Addis Abeba weiter nach Djibouti. Man hat mir erzählt, dass es sporadisch Eisenbahnzüge gibt, die durch die karge Wüste zurück nach Äthiopien fahren. Mit etwas Glück, so hoffe ich, könnte ich einen Platz ergattern. Vorstellungen habe ich keine – es klingt nach Abenteuer. Es kommt, wie es kommt.
Vor Ort erfahre ich: Die Personenverbindungen sind seit Monaten eingestellt, die Sicherheitslage zu fragil. Aber Güterzüge sollen sporadisch fahren – das klingt nach einer spannenden Option. Beim alten Güterbahnhof gibt es vielleicht mehr zu erfahren. Die alte Bahnlinie nach Äthiopien – einst ein kolonialer Geniestreich, gebaut Ende des 19. Jahrhunderts unter französischem Protektorat – zieht sich noch immer durch die Wüste. Damals ein Prestigeprojekt, das den Hafen von Djibouti mit dem äthiopischen Hochland verband und eine zentrale Handelsroute schuf.
Den Güterbahnhof finde ich problemlos – und tatsächlich steht da ein alter Güterzug, ein Relikt vergangener Zeit. Ich entdecke einen Mann in einem blauen Overall, der sich prüfend über die Räder der Lok beugt. Später erfahre ich: Sein Name ist Kiffe (Bekele), er ist der Lokführer. Gelassen erklärt er, dass offizielle Passagierzüge seit Monaten nicht mehr verkehren. Nur Güterzüge rollen noch, sporadisch, heute Nacht. Über die Fracht schweigt er. Auf meine Frage, ob ich ihn begleiten darf, lacht er überrascht. Eine Antwort erhalte ich nicht. Beim Weggehen dreht er sich um und ruft: „Hey my Muzungu friend… be here before midnight.“
Gegen Mitternacht erreiche ich den Güterbahnhof – und werde zu meiner Freude bereits mit einem großen Lächeln von Kiffe erwartet.
Kurz nach Mitternacht setzt sich die Lok in Bewegung. Neben mir: einige bewaffnete Soldaten, ein Mechaniker, ein zweiter Zugführer und mein neuer Freund Kiffe, der Lokführer. Es ist eng im Führerstand, kaum Platz zum Stehen. Die Fahrt ins Unbekannte beginnt. Die letzten Lichter der Stadt verschwinden, die Wüste übernimmt wie ein harter Filmschnitt. Kamele, Wellblechhütten, dann nur noch Dunkelheit.
Mit dem ersten Licht verändert sich alles. Die Sonne legt ein rötliches Glühen über die Steinwüste – schön und bedrohlich zugleich. Dann ein Ruck, der Zug hält. Ein Checkpoint mitten im Nichts. Ich muss aussteigen, begleitet von zwei Uniformierten. Die Luft ist kühl, die Stille fast greifbar. Man mustert mich, überrascht, hier einen Weißen zu sehen. Doch die Spannung löst sich schnell: ein kurzes Lächeln, ein paar neugierige Blicke. Meine Papiere werden geprüft, ein Stempel, ein Nicken. Alles bleibt entspannt.
Ich nutze die Minuten, mache Fotos: rostige Gleise, Kamele, Esel, viel Müll und Plastik und ein paar hagere Gestalten auf den Wagons, die sich in der Morgensonne wärmen. Für einen Moment wirkt die Szene friedlich, fast beiläufig. Dann zurück auf die Lok. Weiter geht’s.
Kiffe erzählt, dass sein Vorgänger hier bei einer Pinkelpause auf eine Mine trat. Seither verlässt er die Kabine nur im äußersten Notfall. Hätte ich das vorher gewusst, ich hätte meine Erkundungstour wohl gestrichen – und Hemingway hätte sich bei dieser Anekdote vermutlich genüsslich eine Zigarette angezündet. Ich lehne mich zurück, genieße die Morgenstimmung, während die Lok wieder anrollt.
Ich sitze jetzt ganz vorne, auf der Nase der Lok, die mit 60 km/h durch die karge Wüste rattert. Der heiße Wind schlägt mir ins Gesicht, die Schienen ziehen sich wie ein endloser Strich durch die Landschaft. Für einen Moment fühlt sich die Fahrt wie ein Abenteuerfilm an. Doch die Realität ist härter: Wir passieren kleine, manchmal verlassene Siedlungen, verdurstete Tiere entlang der Gleise, Plastikfetzen an Sträuchern und dann wieder kilometerweit kaum Zivilisation. „Wasser ist hier das knappste Gut – es herrscht seit Monaten große Dürre“, sagt Kiffe leise, ohne den Blick von den Schienen zu nehmen. Menschen und Tiere verenden, während sie oft vergeblich auf Hilfe warten.
Nach ungefähr 16 Stunden Reisezeit tauchen die ersten Siedlungen von Dire Dawa auf, der zweitgrößte Stadt in Äthiopien. Flüchtlingslager, Missionsmauern, westliche Nonnen, die Schwächste versorgen und sich um duzende von junge Männer kümmern, ausgehöhlt vom Khat – jener Pflanze, die Euphorie verspricht und Leere hinterlässt. Sicherheitskräfte verhindern mit Knüppeln, dass Verzweiflung und Entzugserscheinung in Gewalt kippt.
Ich bleibe einige Tage bei einem befreundeten Arzt von Médecins Sans Frontières und begleite ihn jeden Morgen auf Visite, besuche mit ihm die umliegenden Flüchtlingslager, Spitäler und Missionen: Offene Tuberkulose, amputierte Gliedmaßen, entzündete Infektionen, offene Fleischweunden deren Geruch sich ins Gedächtnis brennt. Seine Arbeit erinnert an die Erzählungen erloschener Weltverbesserer – jene, deren Idealismus heute in Antiquariaten verstaubt.
Die wenigen Expats treffen sich abends in einer Bar. UN-Mitarbeiter, Ingenieure, Entwicklungshelfer – ein globales Sammelsurium höflicher Fremdheit. Ein Franzose, dessen Lebenslauf vermutlich mehr Schwärzungen als Ausschmückungen enthält, setzt sich dazu. Auf die Frage nach seinem Job weicht er aus – und ich bin überrascht zu erfahren, dass er von meiner Reise wusste, meinen Namen kannte und über meine Person bestens informiert war.
Big Brother is watching you – selbst hier, unter dem endlosen Sternenzelt am Ende der Welt.
Viele Fotos dieser Reise existieren nicht mehr. Ein Notebook, überfordert von Hitze und Stromschwankungen, hat sie gelöscht. Vielleicht ist das die Pointe: dass das Wesentliche einer Reise oft gerade in dem liegt, was man nicht festhalten kann.
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Zug, der offiziell nicht existiert. An eine Wüste, in der selbst die Sonne erschöpft wirkt. Und an eine Stadt, die im Schatten der globalen Aufmerksamkeit überlebt. Djibouti – ein Ort, der beweist, dass die spannendsten Geschichten dort entstehen, wo niemand nach ihnen sucht.































