Die besten Clowns der Welt
Pit Bühler fliegt um die ganze Welt, wenn es sein muss. Zu russischen Cowboys und in entlegene Zirkuszelte. Nun stellt er in Unterägeri eine besondere Serie vor.
Zug Kultur | März 2019 | Text: Falco Meyer, Bilder: Pit Buehler
Der Mann ist schwer einzuordnen. Ist Pit Bühler nun ein zäher Einzelgänger auf der Suche nach dem perfekten Motiv? Ein im Ausland gefeierter Fotograf? Ein versteckter, zufriedener Macher? Oder ein unverstandener Künstler? Der Baarer schiesst Fotos von Uma Thurman im Vorbeigehen, ist mit Lee Perry im Studio, hat diverse internationale Preise gewonnen, kennt die weltbesten Clowns und Balletttänzer persönlich. Er hat sie alle fotografiert. Dann fliegt er nach Russland, fährt zwölf Stunden mit der Eisenbahn in die Pampa nach Byransk Oblast, um an einer Porträtserie über russische Cowboys zu arbeiten. Bühler inszeniert sie, als wären sie Hollywoodstars. «Man sieht ihnen den Russen ja immer noch an», sagt Bühler. Trotz Hut, haariger Brust und Jeans-Latzhosen. Er bringt sie dazu, sich in Pose zu werfen, ohne ein Wort von dem zu verstehen, was die so reden, und umgekehrt. Dann kommt er nach St. Petersburg und sieht sich selber in der Zeitung und auf einer Plakatwand. Und wenn er bloss einen Clown im Zirkus fotografieren will, steht gleich der ganze Zirkus komplett geschminkt auf der Matte. Sie wissen, dass er kommt. Nun macht Bühler in Unterägeri eine grosse Ausstellung. Seine Clown-Serie kommt im Gemeindehaus und in zwei Schulhäusem zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Das passt. Bühler hat keine spürbare Attitüde, keine Allüren, stattdessen ehren starken Antrieb – und gesunden Sarkasmus, um den Antrieb etwas zu dämpfen. Die Clowns findet er einfach interessant. Immer noch. «Das ist eine unglaublich spannende Figur. Wenn du den Clown anschaust, dann hast du das Gefühl: Mit dem stimmt doch etwas nicht», sagt Bühler. Warum lächelt der mich so an? Warum benimmt der sich so? Warum will der jeden Tag Menschen zum Lachen bringen? «Das war schon immer so, schon die Hofnarren im Mittelalter waren zwiespältige Gestalten. Schon kleine Kinder reagieren auf Clowns oft mit Weinen», sagt Bühler. «Weil sie so seltsam sind, so ungewohnt.»
Torte, Wasserpistole, keine Romantisierung
Die Maskerade interessiert Bühler. Die Verwandlung in eine Figur, die nicht mehr ganz menschlich ist, weil sie so überzeichnet menschlich ist. «Schau mal, was die auf der Bühne machen: Sie hauen sich, sie fallen um, sie schmeissen sich Torten ins Gesicht, sie beschiessen sich mit Wasserpistolen. Das ist auch eine Form von Gewalt gegen sich selber, die da stattfindet, um dem Publikum zu gefallen.» Bühler ist kein Zirkus-Freak, romantisieren mag er seine Clowns nicht. «Ich mache das nicht nur, weil ich den Zirkus fantastisch finde. Sondern weil mich Artisten und Clowns als Figur so interessieren. Sieh mal, der hier», sagt er und zückt ein Bild von einem gefeierten Clown. «Der stammt aus einer Clown-Dynastie. Sein Vater war schon Clown, und dessen Vater ebenfalls. Tonito ist sein Name – ein Clown-Name von Geburt an.» Andere Eltern wollen, dass ihre Kinder Anwälte werden oder Bankiers. «Und dann wirst du in so eine Familie geboren, und es ist klar, dass du die Tradition fortfuhrst und ebenfalls ein Clown sein wirst.» Und ein guter – einer der besten. «Diese Menschen haben ein unglaubliches Talent darin, die Leute zum Lachen zu bringen.»
Flachgepresst, aber überlebensgross
Bühlers Porträts sind stark, die Bilder schaffen es im Bruchteil einer Sekunde, den Zuschauer zu berühren. Sogar flachgepresst sind seine Clowns überlebensgross in ihrem Ausdruck. Dabei hat Bühler meistens fast keine Zeit für das Bild. Er muss in die Zwischenzeiten hineinpassen, nach dem Make-up und bevor der Vorhang aufgeht. «Manchmal bleiben mir drei Minuten Zeit», sagt Bühler. Dann stellt er seinen tragbaren schwarzen Hintergrund auf und beginnt mit seiner Arbeit, manchmal entstehen dabei nur gerade eine Handvoll Aufnahmen. «Mir gefallt das imperfekt Perfekte. Es ist mir lieber, wenn der Clown noch eine Schweissperle vom Auftritt auf der Stirn hat oder die Anspannung vor dem Auftritt im Gesicht.»
Fotos, solange du kannst
Die Clownserie ist eine jahrelange Arbeit. Bühler hat sich vorgearbeitet, Kontakte gesucht, Zugang gefunden. «Mit der Zeit kennen sie dich und wissen, was du machst», sagt er. Dann wird es einfacher. Aber auch schwieriger. Plötzlich wollen alle aufs Foto. Eben: der ganze Zirkus. «Dann machst du einfach Fotos, solange du kannst. Ich will ja auch etwas zurückgeben und möchte die Leute auch nicht zurückweisen.» Bühler hat Erfolg mit seiner Art, die Dinge anzugehen. Er hat die russischen Ballettikonen im
Moskauer Bolschoi-Ballett fotografiert, die Bilder hängen in St. Petersburg prominent. Seine kommerzielleren Fotografien blicken auch mal hausgross von Plakatwänden, in Tokio. Die Clowns und Cowboys macht er für sich. «Von den russischen Cowboys habe ich im «Wall Street Journab gelesen. Davon, dass man extra texanische Cowboys nach Russland geflogen hat, um den Russen die traditionelle Viehzucht mit Pferd und Lasso beizubringen», sagt er und lacht, «da dachte ich, das ist so verrückt, da muss ich hin, das gibt bestimmt eine wunderbare Porträtserie.»
In drei Minuten verlieben
Es sind die Spannung, das Unbekannte und die Neugier, die ihn anziehen. Beim Clown, der gleichzeitig lustig und immer auch tragisch ist. Einige seiner Clowns sind im echten Leben eher introvertiert, manche depressiv, stehen auch mal vor Gericht, haben ein Lebensthema, das eng mit ihrer Clownerie zusammenhängt und inseinen Bildern zu erkennen ist. Seine Ballerinas sind in der direkten Begegnung manchmal genauso freundlich, wie sie auf dem Bild aussehen. Oder auch genauso herablassend. «Es ist wichtig, dass man sich in diesen drei Minuten in den Menschen verlieben kann, der da vor der Kamera steht, aber auch Respekt zeigt, die nötige Distanz akzeptiert», sagt Bühler. «Aber auch wenn es nicht klappt, kann das Bild gut werden. Wenn es eine Spannung gibt, weil der Moment schrecklich ist.» Verliebtheit und Spannung. Vorhang auf, Manege frei, für die besten Clowns der Welt.



