Ästhetik vor allem
Image Premium, Graphic Art, August 2016; Text; Urs Bretscher Bilder; Pit Buehler
„Ich habe mich entschieden. Ich bin kein Reporter, meine Fotos sind nicht Abbilder der Realität, und ich suche auch nicht das Dokumentarische im Bild. Aber bin ich jetzt ein Künstler? Was ist den Kunst eigentlich?“ Nun, wenn Kunst etwas mit Können zu tun hat, dann ist der Zuger Pit Buehler mit Bestimmtheit einer, der Kunst macht.
Dabei ist es vordergründig nicht Kunst, was er sucht, und er will auch nichts mit der Kunstszene zu tun haben. Seine Bilder zeigen, dass er alle technischen Features des heute verfügbaren Equipments mit grosser Virtuosität führt, wie wenn er mit Pinsel, Palette und Staffelei arbeitet. Müsste man ihn – gegen seinen Willen – in eine Kategorie einordnen, würde man vielleicht von einem Studio-Porträtisten reden. Aber man muss ja nicht, Pit Buehler braucht keine Kategorie. Er ist wohl einzigartig und auch ziemlich konkurrenzlos.
So unscharf das Profil dieses Fotografen scheint, so abtastend und auslotend verläuft zuerst auch das Gespräch mit ihm. In seinem Portfolio verrät er eine fast ausschliessliche Fixierung auf Menschen als Motiv. Aber woher nimmt er die Themen, den Antrieb, und an wen richten sich seine Arbeiten? Und wie bringt er die Menschen vor die Kamera?
Wenn ich fotografiere, dann habe ich kaum jemals einen konkreten Auftrag. Ich stosse auf etwas, das mich anspricht, interessiert; und irgendwann ist es dann vielleicht ein Projekt. Sozusagen Inspiration durch Realität. Gegenwärtig ist es der Zirkus. Am Anfang war das 40. Zirkusfestival von Monte Carlo im Januar 2016, mit einem Jubiläumsprogramm. Das sprach mich an, also suchte ich Kontakt mit den Organisatoren – und das war in diesem Fall das Fürstenhaus von Monaco selber.
Was Pit Buehler nicht sagt, wenn man ihn nicht ausdrücklich darauf anspricht: bis er zum ersten Mal abdrückt, hat er Monate in Vorbereitungen, Überzeugungsarbeit, Organisation. Logistik, Suchen von Hilfskräften und Feinplanung investiert. Er ist ein gut strukturierter Detailfanatiker, ein Präzisionsfreak, ein unermüdlicher Arbeiter, der nicht aufgibt, bevor er das perfekte Bild im Kasten hat „Meine Qualitätsansprüche sind hoch, sehr hoch. Das gilt besonders für die Lichtführung bei meinen Shootings. Das ist dann natürlich sehr aufwendig, aber Zeit habe ich meistens nicht besonders viel, weil die Artisten und Künstler selber auch wenig davon haben.“ Seine nimmermüde Suche nach Perfektion hat ihm in Moskau geholfen, als er letztes Jahr im Bolshoi Ballet fotografierte. Da galt es zuerst endlose organisatorische Hürden aller Art zu meistern; die Reise, das Team, das Equipment, Bewilligungen, Ämter und Behörden, schliesslich die Theaterdirektion und den Balletmeister. Bühler verbrachte zuerst viel Zeit auf und hinter der Bühne, als die Tänzer probten. Die Aufnahmen wurden während einer Vorführung im ausverkauften Bolshoi Theater gemacht; in der Präsidenten-Loge hatte er sein Fotostudio aufgebaut, und nach einem genau definierten Zeitplan besuchten ihn die Tänzerinnen und Tänzer. Ich hatte jeweils pro Bild nur einige Minuten Zeit mit den Leuten, und wir waren von morgens 8 Uhr bis am andern Morgen um 5 Uhr permanent dran. Alle waren begeistert von der Mitarbeit an diesem Projekt und haben sich natürlich besonders gefreut, dass sie einen Abzug ihrer Fotografie geschenkt erhielten». Angenehme Begleiterscheinung: Die Fotos verkauften sich ausgezeichnet. Auch ein Bühler hat Lebenskosten …
Im Bolschoi Theater verwendete er für zahlreiche Bilder eine Phase One (Mittelformat), für andere seine Nikon. Und wenn schon Moskau, dann aber richtig – ein Beispiel für die „Inspiration by Reality“. Zwei weitere Projekte (Drag Queen und Russian War Veterans) entstanden nämlich bei seinen Besuchen, welche in Pits Portfolio auf der Homepage zu sehen sind. Dabei setzte er seine D4 (heute eine D5) ein, mit festen Brennweiten von 24, 35, 58, 85 und 105 mm ein, manchmal auch mit dem 70 – 200 mm Zoom.
Alle seine Bilder verraten das Talent, das in Pit steckt. Er bringt die Menschen dazu, sich vor seiner Kamera wohl zu fühlen. Er inszeniert sie, spektakulär, aber die Bilder geben die Menschen keiner Lächerlichkeit preis, auch wenn sie oftmals ins Extrem-Komische verzerrt sind. Spannungsgeladene Lichtfuehrung, kurze Brennweiten, absolut perfekte gesetzte Schärfeakzente und starke Kontraste, mit leuchtenden Farben und unergruendlich dunklen Hintergruenden, das bestimmt oft den Bildaufbau.
Dabei ist Pit Buehler alles andere als ein gelernter Kunstschaffender. 2008 brach er seine Karriere als Anlagespezialist in einem Finanzunternehmen ab und machte sein bisheriges Hobby, das Fotografieren, zur Hauptsache in seinem Leben. Fotos von einem 2000-km-Trip den Amazonas hinunter verschafften ihm eine Einladung, ein ganzes Jahr Mitglied der Meisterschüler-Klasse der Kunstakademie Leipzig zu sein; eine ausgezeichnete Weiterbildung.
Wie meisterhaft er es mittlerweile versteht, seine Motive mit Bildaufbau und Lichtgestaltung in dramatische Übersteigerungen zu pushen, das zeigen eindrücklich die beiden Projekte „Circus“ und „Anastasia Makeeva“ in seinem Portfolio. Wie viele Fotografen lässt er in manchen seiner Arbeiten eine Affinität zur Schwarzweiss-Fotografie erkennen. Da ist die Platzierung der Lichtquellen und der Einsatz des Blitzes noch entscheidender, weil keine Farbtupfer mithelfen, eine gescheiterte Ausleuchtung zu retten. Einige der Bilder von „Rehearsal Classes at Bolshoi Ballet“ mögen als Beispiele dafür gelten.
Pit Bühler ist oft mit dem Profoto B1 oder dem Profoto Acetub 600 unterwegs; in der Studiofotografie sind aber feste Lichtquellen (Broncolor Para 88 mit Profoto Flash Adapter) oft wichtiger, und nicht selten kombiniert er Lampen und Blitz Auf der Suche nach der perfekten Aesthetik schliesslich fehlt auch die Nachbearbeitung am Computer nicht, allerdings beschraenkt auf das notwendige Minimum und ohne Effekthascherei. Pit Bühlers Kunst, das ist der elegant kombinierte Einsatz aller Elemente moderner Fototechnik. Was leicht daherkommt, ist genial konzipiert und konsequent erarbeitet. Von einem, dem nichts unmoeglich scheint, und der keine Mühe scheut.











